Nerven- Kopf- Bauch- und chronische Schmerzen

Alles über Schmerzen und ihre Therapie

Die Person Rasputin

Rasputin wurde am 10. Januar 1869 (nach Julianischem Kalender) im Ort Pokrowskoje am Rande des Urals geboren. Seine Eltern, Jefim Jakowitsch und Anna Wasiljewna, waren Bauern und besaßen eigenes Land, mehrere Kühe und Pferde. Die Familie gehörte zu den eingesessenen Bauern des Dorfes mit einigem Vermögen und respektablem Ansehen. Rasputin hatte eine Schwester und einen Bruder, welche früh verstarben. Sein Bruder starb an einer Lungenentzündung und die Schwester, welche an Epilepsie litt, ertrank bei einem Anfall im Fluss, an dem sie Wäsche wusch. Auch die Mutter verstarb recht früh.

Am Ort gab es kaum Möglichkeiten für Schulbildung. Lesen und Schreiben brachte sich Rasputin ansatzweise später selbst bei.

Als Jugendlicher galt er als „Tunichtgut“, und als Siebzehnjährigem lagen gegen ihn im Jahr 1886 mehrere Anzeigen bei der Polizei in Tobolsk vor. Ihm wurde Trunksucht, Mädchenschändung und Diebstahl vorgeworfen. Es kam zu keiner Verurteilung, aber in diesen polizeilichen Ermittlungen ist die erste offizielle Beschreibung Rasputins enthalten: 1.82 Meter groß, helle strähnige Haare, längliches Gesicht und ein dunkelrötlicher Vollbart.

Gleichzeitig zu diesem „liederlichen Lebenswandel“ entwickelte sich aber eine starke Religiosität. Nach späteren Aussagen von Dorfbewohnern soll er manchmal ganze Nächte hindurch gebetet haben. Auf jeden Fall brach Rasputin als Siebzehnjähriger – um, wie er später sagte, das wahre Heil zu finden – zu seiner ersten Pilgerreise auf. Das Pilgertum war damals in Russland weit verbreitet und wurde von der Bevölkerung unterstützt. So gab es an manchen Häusern einfachste Anbauten, in denen die Pilger, die durch das Land zogen, übernachten konnten.

Vom Jahr 1886 bis zum Jahr 1901 war Rasputin nur sporadisch zu Hause. 15 Jahre lang war er, auf der Suche nach Erleuchtung und Wahrheit, wie er selbst erklärte, meist auf Pilgerreise. Bei seiner letzten und weitesten Pilgerreise, die 4 Jahre dauerte, wanderte er bis zum Berg Athos in Griechenland. Rasputins weiteste Pilgerreise, nach Jerusalem, unternahm er erst später während seiner St. Petersburger Zeit, dies wird oft falsch dargestellt.

Am 22. Februar 1887 heiratete Rasputin Parskjewa Fjodorowna Dubrownina, die während seiner Reisen auf dem Bauernhof der Eltern zurückblieb. Im Jahr 1895 wurde sein Sohn Dimitrij, 1897 seine Tochter Matrjona (Maria) und 1900 seine Tochter Warwara geboren.

Maria Rasputin gab die Erzählungen ihres Vater nach seiner letzten Pilgerreise folgendermaßen wieder: „Er hatte viele große Klöster besucht, wo er sich den Lebensunterhalt durch Wartung des Viehs und durch Religionsunterricht verdiente. Hunderte von Predigten hatte er gehört und an allen möglichen Religionsgesprächen teilgenommen. Große Meister hatten ihn in die Geheimnisse der göttlichen Heilkraft eingeweiht. Jetzt fühlte er sich bereit zu unterweisen und zu heilen. Stolz verkündetet er es: 'Jetzt bin ich ein Starez.'.“

Rasputin plante in seinem Haus einen Andachtsraum einzurichten und dort das Wort Gottes so zu verkünden, wie er es verstand. Daraufhin wurde er vom Dorfpfarrer Pjotr Ostroumow 1901 beim Bischof Antonij von Tobolsk wegen Sektengründung und Schmähung der wahren Kirche angeklagt. Es wurde eine offizielle Untersuchung eingeleitet, bei der aber keine Anhaltspunkte für den Vorwurf, Rasputin begehe während seiner Gottesdienste Orgien, gefunden wurden. Es wurde Rasputin aber untersagt, in seinem Andachtsraum weiter Gottesdienste zu feiern. Diese Untersuchung wurde dokumentiert und in späteren Jahren immer wieder zitiert, um das Sektierertum Rasputins zu „belegen“.

Richtig ist jedoch, dass Rasputin sich schon damals von der Art der Gottesdienste, wie sie die offizielle Kirche abhielt, losgesagt hatte. Auch wird behauptet, dass er schon im Jahr 1903 erste Heilerfolge hatte. Dadurch erwarb er sich in Pokrowskoje eine beträchtliche Zahl von Anhängern. Es wurde auch schon zu dieser Zeit der Vorwurf des unsittlichen Lebenswandels erhoben. Rasputin wurde in seinem Heimatort zu einer umstrittenen Person.

Bald wurde es dem Pilger Rasputin in seinem Heimatort wieder zu eng. Wie seine Tochter Maria später schrieb, wollte ihr Vater noch mehr über die Kunst des Heilens lernen und brach deshalb im Jahr 1903 zum damals berühmtesten Theologen und „Heiler“ des Zarenreichs auf, zu Johann von Kronstadt in St. Petersburg.

Im Jahr 1903 fand in St. Petersburg eine große religiöse Veranstaltung von Kirchenvertretern aus ganz Russland statt. Zu dieser Versammlung wanderte Rasputin, um von dem berühmtesten russischen Geistlichen, Johann von Kronstadt, zu lernen. Recht schnell war Rasputin, obwohl unbekannt, in den höchsten Kirchenkreisen – besonders bei Johann von Kronstadt, dem Beichtvater des Zaren – hoch geachtet und erhielt Zugang zu verschiedenen Kreisen der höheren Gesellschaft.

Es gibt verschiedene Darstellungen über den schnellen gesellschaftlichen Aufstieg Rasputins, der ihm trotz der Tatsache gelang, dass er kaum lesen und schreiben konnte und keine anerkannte religiöse Ausbildung hatte. Belegt ist, dass Rasputin ein Empfehlungsschreiben eines Geistlichen aus Kiew beim Bischof Theophan vorlegen konnte, der ihn empfing, von seiner Person sehr beeindruckt war und ihn förderte.

Johann von Kronstadt, der führende Geistliche in Russland, wurde auf Rasputin während einer Messe aufmerksam. Rasputins Tochter Maria beschrieb die „Erwählung“, wie sie ihr von ihrem Vater erzählt wurde: „Als er die mächtige Kathedrale betrat, wo der Pope Johann von Kronstadt den Gottesdienst leitete, fand er sie voll von einer Menge reich gekleideter Menschen, die den heiligen Mann umdrängten. Vater kniete im Hintergrund des gewaltigen Gebäudes unter den einfachen Pilgern nieder, deren Kleider deutlich die weite Reise verrieten. Zu seinem Erstaunen kam ein weiß gekleideter Offiziant auf ihn zu, um ihn zu den Stufen des Altars zu geleiten, wo der Pope auf ihn wartete.“ Gemäß der eigenen Aussage Rasputins soll Johann von Kronstadt zu ihm gesagt haben: 'Mein Sohn, ich habe deine Gegenwart gespürt. Du trägst den Funken des wahren Glaubens in dir.'

In wieweit diese Darstellung stimmt, lässt sich nicht nachprüfen; sicher ist, dass Johann von Kronstadt Rasputin in das Kloster, in dem die führenden religiösen Vertreter für die Versammlung untergebracht waren, einführte; dass Rasputin dort die Bekanntschaft mit hohen religiösen Würdenträgern machte und für den Rest der Versammlungszeit in diesem Kloster wohnte. Auch ist von Johann von Kronstadt bekannt, dass er während seiner Meditationen die Nähe von überragenden Menschen spüren konnte.

Aufgrund dieser „Weihen“ höchster Kirchenkreise wurde Rasputin in Salons der Petersburger Gesellschaft und verschiedener politischer Zirkel eingeladen und bald als „Wunderheiler“ berühmt. Boris Almasoff schreibt in seinem Buch „Rasputin und Russland“ darüber: „Der Ruf von der Heiligkeit des neu gebackenen <Wundertäters> … verbreitete sich immer weiter. Über die <Wunder> Rasputins bildeten sich ganze Legenden.“

Am 1. November 1905 wurde Rasputin dann von den Großfürstinnen Militza und Anastasia dem Zaren vorgestellt. Der Zar vermerkte die Begegnung mit einem Satz in seinem Tagebuch: „Lernten einen Mann Gottes kennen – Grigori aus dem Gouvernement Tobolsk….“

Rasputin etablierte sich nun schnell in den Salons der verschiedenen Gesellschaften St. Petersburgs. Mit seinem Wirken in St. Petersburg verloren bald all die vielen anderen Wunderheiler und mystischen Prediger an Einfluss in den Salons. Rasputin wurde zum Star und zum Liebling einflussreicher Damen, die Wunderdinge von ihm erwarteten. Aber auch wichtige Personen in Gesellschaft und Politik gehörten bald zu seinem Freundeskreis. Am 15. Oktober 1906 wurde Rasputin von Zar Nikolaus II. in seinem Palast empfangen.

Ein erklärter Gegner Rasputins, Pater Georgi Schawelski, Generalkaplan des russischen Heeres und der Flotte, beschrieb Rasputin so: „Auf exaltierte Personen, die über keinerlei Beobachtungsgaben verfügten, konnte Rasputin in der Tat einen starken Eindruck machen. Seine ganze Persönlichkeit, seine Worte, seine Redensarten hatten etwas Geheimnisvolles an sich. Er hatte tief liegende, stechende, ja fast erschreckende Augen, eine enge Stirn, wirres Haar, einen ungepflegten Bart, sein Reden war abgehackt, undeutlich, rätselhaft mit pausenlosen Anspielungen und Verweisungen auf Gott; er bewegte sich lebhaft; in seinen Urteilen war er kühn, mutig und duldete keine Widerrede. Dabei sprach er autoritär und nahm keine Rücksicht auf die Person des Gesprächspartners. All das überraschte die einen, schlug aber andere in seinen Bann. Ohne Zweifel hob sich Rasputin von der Masse ab. Man konnte ihn nicht übersehen.“ Soweit die Aussage eines Gegners Rasputins.

Auch der Schriftstellerin Nadjeschda A. Teffi (bekannt unter dem Namen Butschinskaja) missfiel Rasputin, und sie beschrieb seine zweifellos auffallende Erscheinung folgendermaßen: „Er war in einen schwarzen russischen Tuchkaftan gekleidet und stand in hohen Stiefeln da, trat ständig unruhig von einem Bein auf das andere, stieß seine Nachbarn mit der Schulter an … Er war ziemlich hoch gewachsen, muskulös, wirkte irgendwie streng, sein Bart hing in dünnen Strähnen herunter… Der Blick, der einen aus seinen eng bei einander liegenden, unter triefenden Haarsträhnen glänzenden Augen traf, war stechend; doch er ruhte nicht, sondern irrte unstetig hin und her. Die Augen waren wohl grau, doch sie glänzten so sehr, dass ihre Farbe eindeutig zu bestimmen nicht möglich war. Unruhig waren sie. Wenn er etwas sagte, ließ er sogleich seinen Blick über die Zuhörer schweifen, wie um deren Reaktion zu ergründen – denken sie darüber nach, befriedigen sie seine Worte, oder ist man erstaunt?“

Bedeutsam für die weitere Zukunft wurde sein Zusammentreffen mit der Hofdame Anna Tanejewa im Jahr 1907. Anna Tanejewa war eine enge Vertraute der Zarin und sollte auf deren Wunsch den erfolgreichen Marineoffizier A. W. Wyrubow heiraten. Anna Tanejewa war sich unsicher und fragte Rasputin, was er von dieser Heirat halte. Rasputin riet von der Hochzeit ab, da sie ihr nur Unglück bringen würde. Die Heirat fand trotzdem am 30. April 1907 statt. Die Ehe hielt aber nur einen Monat. Anna Wyrubova wurde von ihrem Ehemann brutal zusammengeschlagen und flüchtete zu ihren Eltern. Aufgrund seiner psychischen Probleme verbrachte der Ehemann lange Zeit im Krankenhaus, ohne dass Besserung eintrat, und die Ehe wurde nach einem Jahr geschieden. Für Anna Tanejewa, die nun Wyrubova hieß, stand damit die Heiligkeit von Rasputin ein für allemal fest, und auch sie förderte Rasputin beim Zutritt in die Salons der St. Petersburger Gesellschaft.

Im Herbst des Jahres 1907 hatte der Zarensohn einen kleinen Unfall, der aber, bedingt durch die Bluterkrankheit des Jungen, bedrohliche Ausmaße annahm. Der erste Unfall hatte sich im Jahr 1906 ereignet und war glimpflich verlaufen, aber nun konnten die Ärzte die innere Blutung nicht stillen, sondern nur die Schmerzen durch Morphin lindern.

Nachdem die Ärzte der Zarenfamilie erklärt hatten, dass sie für den Zarensohn nichts mehr tun konnten, empfahl die Großfürstin Anastasia als letzte Möglichkeit, Rasputin, über den so viele Wunderdinge gesagt wurden, zu holen. Das Zarenpaar willigte ein und so wurde Rasputin über einen Hintereingang – beim Eintritt über den Vordereingang hätten erst viele Formulare des Staatssicherheitsdienstes ausgefüllt werden müssen – in den Palast gebracht. Es gibt viele Interpretationen, was damals im Zarenpalast geschah. Auf jeden Fall kam die Blutung des Zarensohns nach dem Eintreffen Rasputins schnell zum Stillstand, und die Komplikationen verschwanden in einer für die Ärzte unverständlich kurzen Zeit.

Der Palastkommandant, Generalmajor Wojejkow beschrieb die Sache so: „Vom ersten Augenblick an, da Rasputin am Krankenbett des Thronfolgers erschien, trat Besserung in dessen Zustand ein; offenbar genügte es, dass Rasputin einige Gebete gemurmelt und auf Alexej eingeredet hat…“. Ähnlich wurde die Situation auch von der Hofdame Lili Dehn beschrieben.

Für die Zarin, die seit der ersten Blutung täglich gebetet hatte, war Rasputin der ihr von Gott geschickte Heilige und Helfer. Sie glaubte an seine – auch anderswo geäußerte – Aussage „Vertraue in meine Gebete; vertraue in meine Hilfe und dein Sohn wird leben.“

Darstellung durch die Zarenschwester Olga Alexandrowna

Über die Heilung des Zarewitschs im Jahr 1907 schrieb die Zarenschwester Olga Alexandrowna, die zu dieser Zeit im Palast war, folgendes:

„Aleksej war knapp drei Jahre alt und beim Spielen im Park von Zarskoje Selo gestürzt. Er weinte nicht einmal, sein Bein zeigte keine größere Wunde, doch der Sturz hatte innere Blutungen in Gang gesetzt, und innerhalb weniger Stunden litt er unter größten Schmerzen… Es war die erste Krise von so vielen, die folgen sollten.

Das arme Kind lag da, den kleinen Körper gekrümmt vor Schmerzen, das Bein schrecklich geschwollen, unter den Augen dunkle Ränder. Die Ärzte waren schlicht nutzlos. Sie schauten angstvoller als wir und flüsterten ständig untereinander. Es gab anscheinend nichts, was sie tun konnten, und es vergingen Stunden, bis sie alle Hoffnung aufgaben. Nun sandte Alicky (die Zarin) eine Nachricht an Rasputin nach Petersburg. Er kam nach Mitternacht in den Palast.

Am Morgen traute ich meinen Augen nicht: der Kleine war nicht nur am Leben, sondern gesund. Er saß aufrecht im Bett, das Fieber war weg, die Augen waren klar und hell – und keine Spur mehr von der Schwellung am Bein! Der Schrecken des Vorabends wurde zu einem unglaublichen fernen Alptraum.

Ich erfuhr von Alicky, dass Rasputin das Kind nicht einmal berührt hatte, sondern nur am Fußende des Bettes gestanden und gebetet hatte. Natürlich kamen einige Leute sofort auf die Idee, dass Rasputins Gebete einfach mit der Genesung meines Neffen zusammengetroffen wären. Zum einen würde jeder Arzt Ihnen erzählen, dass solch eine ernste Erkrankung nicht innerhalb von wenigen Stunden geheilt werden kann. Davon abgesehen, würde der Zufall als Erklärung, sagen wir, ein- oder zweimal ausreichen, aber ich konnte schon nicht mehr zählen, wie oft dies vorkam.“ Soweit Olga Alexandrowna, die Zarenschwester.

Nach dieser Heilung des Zarewitschs wurde Rasputin zunächst jeden Abend im Hof eingeladen. Insbesondere die Kinder mochten diesen so andersartigen Menschen. Zunächst kam er, um Aufsehen zu vermeiden, durch den Hintereingang des Palastes; dann, als Gerüchte über diese Besuche aufkamen, kam er über den Vordereingang. Die Gerüchte wurden aber immer lauter und gewagter. Beim Hofklatsch wurde Rasputin bereits der Titel des „kaiserlichen Lampenputzers“ verliehen (die sehr anzügliche Bedeutung der Bezeichnung „Lampenputzer“ dürfte bekannt genug sein) und das Ansehen, das Rasputin am Hof genoss, einem intimen Verhältnis mit der Zarin zugeschrieben.

So wurde dann festgelegt, dass Rasputin den Palast nur noch in Ausnahmefällen betreten solle, zum Beispiel bei Blutungen des Zarensohns, und diese Blutungen traten auch noch oft auf. Seit dieser Zeit hat Rasputin den Palast nur noch selten betreten. Der Zar schränkte die Treffen mit Rasputin auf ein Minimum ein, und die Zarin traf sich mit Rasputin im Haus der Hofdame Anna Wyrubova. Allerdings gab auch dies weiteren Gerüchten Auftrieb.

Bald darauf begannen öffentliche Beschuldigungen über sexuelle Entgleisungen Rasputins. Der Zar wollte Gewissheit und beauftragte im Frühjahr 1908 seinen Palastkommandanten, General Djadjulin, die Sache zu untersuchen. Djadjulin veranlasste seinerseits den Staatssicherheitsdienst, die Sache Rasputin zu behandeln. Das Ergebnis der Nachforschungen lautete, Rasputin könne seine sexuellen Triebe nicht im Zaum halten. In seiner Heimat habe er Frauen verführt und in St. Petersburg treibe er sich mit leichten Mädchen herum. Dieses Untersuchungsergebnis wurde an den Ministerpräsidenten Stolypin weitergeleitet, der dem Zaren dieses Ergebnis präsentierte. Der Zar weigerte sich, Konsequenzen zu ziehen, er brauchte Rasputin wegen seines Sohnes, mit wem er sich sonst herumtrieb, interessierte den Zaren nicht. Der Ministerpräsident Stolypin ließ die Untersuchung aber weiter laufen. Es kamen weitere Einzelheiten zu der Anklage hinzu. Der Ministerpräsident Stolypin wollte Rasputin nun unbedingt wieder nach Sibirien abschieben. Für Rasputin wurde die Lage unangenehm, und er reiste Mitte des Jahres 1908 in seine Heimat nach Pokrowskoje ab.

Das Jahr 1909 verbrachte Rasputin teilweise in seiner Heimat in Pokrowskoje und teilweise beim Mönch Iliodor in dessen Kloster in Zarizyn.

Im Sommer des Jahres 1909 besuchte der berühmte Mönch Iliodor Rasputin in seiner Heimat in Pokrowskoje. Es war ein Gegenbesuch, denn kurz zuvor hatte Rasputin Iliodor mehrmals in dem von ihm geleiteten Kloster in Zarizyn besucht. Etliche Tage lebte er nun in Rasputins Haus. Dort scheint er heimlich das Haus durchsucht zu haben, auf jeden Fall stahl er einen Brief der Zarin an Rasputin, dessen Inhalt dadurch, dass der wahre Grund für die Stellung Rasputins bei der Zarin, nämlich seine anscheinende Fähigkeit, bei ihrem Sohn Blutungen zu stillen, nicht bekannt werden durfte, zu beliebigen Unterstellungen benutzt werden konnte. Aber noch behielt Iliodor den Inhalt des Briefes für sich.

Zu Beginn des Jahres 1910 kehrte Rasputin nach St. Petersburg zurück. Bald sah er sich wieder Beschuldigungen und Klagen ausgesetzt. So sprachen in der Theologischen Akademie beim Bischof Theophan, dem Beichtvater des Zaren und einem Förderer Rasputins, zwei Frauen vor, welche behaupteten, von Rasputin sexuell belästigt worden zu sein. Eine davon, Chionija Berladskaja, erklärte, Rasputin habe sie in einem Eisenbahnwagen sexuell missbraucht, nachdem sie mit ihm gebetet hatte.

Rasputin wurde vom Bischof vorgeladen und da Rasputin diesem keine Erklärung vorbringen konnte, ersuchte Theophan um eine Audienz beim Zaren. Er wurde jedoch nicht vom Zaren, sondern von der Zarin empfangen. Er erklärte ihr, dass sich, seiner Meinung nach, Rasputin in einem Zustand geistiger Verwirrung befand. Die Zarin wollte aber von der Sache nichts hören und verwies den Bischof des Palastes. Aufgrund dieses Streites um die Person Rasputins ging die Zarin gegenüber Bischof Theophan, der bis dahin ihr Beichtvater war, auf Distanz. Nach Aussagen von Anna Wyrubova sagte die Zarin zum Bischof: „…Gehen Sie, oder ich vergesse, dass Sie mein Priester gewesen sind. Und ich möchte das nicht vergessen.“ Bald darauf verließ Bischof Theophan St. Petersburg.

Wahrscheinlich aufgrund des stetigen Stresses wegen der Sorge um die Gesundheit ihres Sohnes wurde die Zarin inzwischen immer wieder von einem Nervenleiden heimgesucht. Die Ärzte waren machtlos, und sie musste bis zum Abklingen im Rollstuhl zubringen. Die Zarin hatte andere Sorgen als die Eskapaden Rasputins in einem Eisenbahnwaggon.

Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1910 begannen sich nun einige Zeitungen auf Rasputin einzuschießen und veröffentlichten ganze Serien über die wirklichen oder auch nur angeblichen Verfehlungen des Gottesmanns Rasputin, wobei der Hauptgrund für diesen Feldzug nicht nur in der Entrüstung über das Verhalten Rasputins, sondern auch dem Kampf gegen den vermeintlichen Einfluss dieses obskuren Rasputins galt. Auch versuchten die Kommunisten über die Person Rasputin das Ansehen der Zarenfamilie zu untergraben. Ministerpräsident Stolypin fordert den Zar bei einer Audienz noch einmal auf, Rasputin doch bitte abzuschieben.

Indessen wirbelten Affären aus dem Umkreis des Thrones weiteren Staub auf. Bei einer davon wunderte sich die Hofdame Sophija Tjutschewa darüber, dass Rasputin angeblich die Zarentöchter abends regelmäßig in ihrem Zimmer aufsuchte, während sie schon im Nachthemd waren. Ist dies nicht für Zarentöchter unwürdig? Nachdem die Zarin gegenüber dieser Anfrage gar nicht reagierte, sprach Tjutschewa beim Zaren vor. Nach ihrer Aussage antwortete der Zar: „Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen gestehen würde, dass ich diese schwierigen Jahre nur dank seiner Gebete überlebte?“ Tjutschewa blieb jedoch bei ihren Einwänden gegen Rasputin, den sie selbst noch nie am Hof gesehen hatte. Tjutschewa startete einen regelrechten Feldzug gegen das ihrer Meinung nach verderbliche Treiben Rasputins am Hof. Um den Streit zu beenden wurde Tjutschewa deshalb vom Zaren zunächst für 2 Monate vom Dienst am Zarenhof beurlaubt. Daraufhin quittierte Frau Tjutschewa ihren Dienst und erzählte überall herum, sie sei entlassen worden, weil sie den Herrschern die Vertraulichkeiten enthüllt habe, welche sich Rasputin mit den Zarentöchtern gestatte. So wurde bald, mit Bezug auf Frau Tjutschewa, die Behauptung weitererzählt, Rasputin sei der geistige Führer der Zarenfamilie, er sei ein ständiger Besucher des Zarenhofes und er würde die Zarentöchter baden.

Anna Wyrubova beschrieb ihre Erfahrungen mit dem allgemeinen Klatsch so: „… Als ich einmal in Moskau weilte, musste ich von meinen Verwandten …anhören, dass Rasputin fast täglich im Schloss weile, die Großfürstinnen bade und dergleichen mehr, wobei Fräulein Tjutschewa stets als Kronzeugin für alle diese Vorgänge genannt wurde.“ Besonderes Gewicht bekamen die Anklagen auch dadurch, dass Frau Tjutschewa einer sehr angesehenen und einflussreichen Familie entstammte. Als Reaktion auf diese öffentlichen Anschuldigungen wurde vom Zaren festgelegt, dass Rasputin den Palast nicht mehr betreten solle. Weitere Treffen fanden nun im Haus von Anna Wyrubova statt.

Im August des Jahres 1910 erfolgte kurz nach einer erneuten Rückkehr Rasputins aus seiner Heimat der erste Mordversuch. Fünf Männer versuchten, Rasputin mit einem Auto zu überfahren. Der Vorfall wurde nie aufgeklärt.

Ministerpräsident Stolypin wollte nun endlich Rasputin aus St. Petersburg weghaben und sprach beim Zaren vor. Der schlug eine Unterredung zwischen Stolypin und Rasputin vor, welche dann auch stattfand. Stolypin beschrieb Rasputin gegenüber dem Dumapräsidenten Rodsjanko als einen Menschen, der bei jeder Gelegenheit die Bibel zitiere, händeringend in seinen Bart brumme und erkläre, er habe sich keine einzige der Abscheulichkeiten zuschulden kommen lassen, die man ihm vorwerfe. Stolypin schrieb weiter: „Ich spürte eine unüberwindliche Abneigung in mir aufkommen. Dieser Mann hatte eine gewaltige magnetische Kraft und löste in mir eine starke Gemütsbewegung aus, und sei es nur eine des Widerwillens. Ich beherrschte mich, erhob die Stimme und hielt ihm entgegen, dass sein Schicksal mit den Dokumenten, die ich besitze, sich in meiner Hand befinde.“

Um Zeit zu gewinnen, einigte man sich mit Rasputin darauf, dass er Anfang des Jahres 1911 seine schon früher gewünschte Reise nach Jerusalem antrat. Er schrieb über diese Reise ein Buch, bei welchem die extreme Naivität, Einfachheit und Lauterkeit auffällt.

Mitte des Jahres 1911 kam er nach St. Petersburg zurück und bezog bei einem Freund, dem Journalisten Georgi Sasonow, Quartier. Eine eigene Wohnung hatte Rasputin noch immer nicht.

Im Herbst des Jahres 1911 war die Stelle des Bischofs von Tobolsk neu zu besetzen. Dies war eine wichtige Position und mit Macht und Einfluss in der Kirchenleitung Russlands, dem Heiligen Synod, verbunden. Der Heilige Synod bestimmte den berühmten Mönch Iliodor als Kandidaten und erwartete, dass der Zar – als Oberhaupt der russischen Kirche – diesem Vorschlag wie üblich formal zustimmen würde. Über das Weitere gibt es verschiedene Darstellungen, darunter eine von Maria Rasputin. Sicher ist, dass der Zar Rasputin zu der Sache befragte. Iliodor war ihm aufgrund früherer Ereignisse suspekt, und Rasputin, der ja aus dieser Gegend kam, empfahl dem Zaren einen früheren Bekannten, der in einem Kloster Gärtner war, in welchem Rasputin die Pferde versorgt hatte. Der Zar ließ diesen Bekannten, Barnabas, holen, war von ihm überzeugt und ernannte diesen statt den vorgeschlagenen Iliodor zum Bischof. Diese Entscheidung des Zaren wurde nun vom Heiligen Synod mit ungläubigem Erstaunen aufgenommen. Nach Vorstellung der Kirchenleitung, wie auch der daran beteiligten politischen Kräfte, war diese Entscheidung das Resultat einer Intrige Rasputins. Diese Entscheidung bedeutete aber auch einen Bruch zwischen Rasputin und dem Mönch Iliodor, der von nun an zu einem erbitterten Feind Rasputins wurde.

Aufgrund der anhaltenden Vorwürfe wurde Rasputin ins bischöfliche Palais von St. Petersburg geladen. Das Treffen ereignete sich in der Dienstwohnung von Bischof Hermogen in Anwesenheit anderer Geistlicher. Anwesend waren unter anderem Mitja Koljaba, welcher früher auch einmal bei der Zarin als Hellseher und Heiler aufgetreten war und sich nun von Rasputin ausgestochen fühlte sowie Iliodor, der sich von einem glühenden Anhänger Rasputins in einen genauso glühenden Gegner Rasputins gewandelt hatte. Rasputin sollte beim Bischof seine Schandtaten, einschließlich einer angeblichen sexuellen Beziehung zur Zarin und Vergehen an Frauen, welche bei ihm geistlichen Beistand gesucht hatten, präsentiert bekommen, und der Bischof wollte ihn, falls er keine Entschuldigungen vorbringen könne, Kraft seines Amtes verpflichten, St. Petersburg zu verlassen.

Allerdings entwickelte sich eine kräftige Schlägerei in der Wohnung des Bischofs. Rasputin gelang dank seiner großen Körperkräfte, am Kopf schwer blutend, die Flucht. Aufgrund dieses Vorfalls verbannte der Zar, mit der Verfügung vom 3. Januar 1912, den Bischof Hermogen in die Provinz nach Grodo, Iliodor wurde der Rang eines Abtes aberkannt und er sollte in ein weitab gelegenes Kloster im Kreis Wladimir ziehen.

Der Fall zog kirchenintern schwere Verstimmungen nach sich und löste in der Öffentlichkeit einen Skandal aus. Es wurde dem Zar das Recht abgesprochen, eigenmächtig derart rigoros gegen einen Bischof vorzugehen, denn nach kanonischem Brauch hätte dieser Fall von einem Konzil behandelt werden müssen. Selbst der deutsche Kaiser Wilhelm II schickte einen Brief, um den Zaren zu tadeln. Er schrieb: „…Doch diese eure Neigung stellt Euch auf eine Ebene mit dem Pöbel. Seid auf der Hut…Der Name der Zarin wird in einem Atemzug mit dem irgendeines suspekten Emporkömmlings genannt! Das ist unmöglich.“ Übrigens war dieser Brief typisch für die Besserwisserei des deutschen Kaisers gegenüber dem Zaren, die diesen so oft kränkte. Immerhin war der deutsche Kaiser dem Zaren familiär verbunden.

Im Januar des Jahres 1912 veröffentlichte Iliodor nun den Brief, welchen er im Haus Rasputins im Jahr 1909 gestohlen hatte, und leitete aus dessen Inhalt, garniert mit vielen anderen angeblichen Erkenntnissen, eine sexuelle Beziehung Rasputins zu der Zarin ab, welche ihm angeblich hörig sei. Der Inhalt des Briefes wurde von der St. Petersburger Gesellschaft nach Belieben abgeschrieben und noch weiter ausgeschmückt. Solche Zettel wanderten als angebliche, authentische Abschriften durch die St. Petersburger Salons. Immer weitere angebliche Briefe, welche schließlich vollständig erfunden waren, tauchten in den Salons auf. Die Situation verschlimmerte sich noch dadurch, dass die Zarin, wie auch der Zar, sehr zurückgezogen lebte, und dass ihr gegenüber, als Deutsche, viele Personen der russischen Gesellschaft ohnehin feindselig eingestellt waren.

Die Zarin erlitt einen Herzanfall und forderte Rechenschaft von Rasputin, der in Pokrowskoje weilte. Rasputin antwortete mit einem Telegramm: „Liebste Mama! Was für ein Hund, dieser Iliodor! Ein Dieb! Stiehlt Briefe! Schweinerei! Muss sie aus dem Schrank geklaut haben. Der will sich Pope nennen – und dient dabei dem Teufel. Denke daran. Er hat lange Zähne, der Dieb. Grigori.“

Die „Sache Rasputin“ war am Überkochen. Sowohl Ministerpräsident Kokowzow wie auch der Dumapräsident Rodsjanko sprachen im Februar beim Zaren vor, und in der Duma gab es eine von 49 Unterzeichnern unterstützte Anfrage an den Innenminister Makarow bezüglich einer vom Zaren angeordneten unrechtmäßigen Beschlagnahme der Rasputin feindlich gesinnten Presseorgane. Der Zar hatte zeitweilig eine Berichterstattung über Rasputin verboten und zuwiderhandelnde Zeitungen geschlossen.

Nach all diesen Anschuldigungen wurde vom Zaren kurz nach Ostern festgelegt, dass Rasputin St. Petersburg verlassen und nicht mehr betreten solle. Der Zar wollte sich von Rasputin endgültig trennen, und er machte Rasputin klar, dass er ihn nicht mehr in St. Petersburg halten könne. Dieser Entschluss fiel auch deshalb leichter, weil der Zarewitsch schon über ein Jahr keine ernsthafte Verletzung mehr hatte, welche Rasputins Hilfe bedurft hätte (mit höherem Alter wird das Risiko bei Blutern geringer), und so kehrte Rasputin im Frühjahr 1912 wieder zurück nach Pokrowskoje.

Im Oktober des Jahres 1912 wurden in Spala (heute in Polen) üppige Feierlichkeiten anlässlich des hundertsten Jahrestages der Schlacht bei Borodino gefeiert, denen auch die Zarenfamilie beiwohnte. Bei einem Ausflug der Zarenfamilie am 2. Oktober 1912 in den Park von Bialowieza stürzte der Zarewitsch. Die Blutungen erschienen zunächst nicht weiter schwer, nicht anders als bei anderen kleineren Blutungen des Zarewitschs, aber diesmal blieben alle Maßnahmen der Ärzte, um die Blutung zu stoppen, erfolglos. Zwar wurden aus Russland weitere Ärzte, der Chirurg Ostrowskij und der Kinderarzt Rauchfuss, herbeigerufen, aber auch sie konnten nicht helfen. Der Zustand des Zarewitschs verschlechterte sich immer weiter. Das Fieber stieg auf 39,5 Grad, der Puls stieg auf 144 Schläge, man versuchte die Schmerzen mit Morphium zu dämpfen und das Bein schwoll immer weiter an.

Die Hofdame Anna Wyrubowa beschrieb die Situation folgendermaßen: „Die nächsten Wochen wurden zu einer endlosen Tortur für den Jungen und für alle von uns, die wir seine ständigen Schmerzensschreie hören mussten. Am 10. Oktober erklärten die Ärzte, dass die Lage aus medizinischer Sicht aussichtslos geworden wäre und dem Zarewitsch wurden die Sterbesakramente der orthodoxen Kirche erteilt. Völlig abweichend von den Gepflogenheiten des Hofes wurde eine Meldung über den schlechten Gesundheitszustand des Zarensohnes veröffentlicht.

In dieser Situation beauftragte nun die Zarin die Hofdame Anna Wyrubowa an Rasputin, zu dem der Zar die Verbindung hatte abbrechen lassen wollen, einen Hilferuf zu telegrafieren. Das Telegramm wurde am 11. Oktober abgeschickt und lautete, nach Aussagen von Maria Rasputin, welche es ihrem Vater vorlas, folgendermaßen: „Ärzte hoffnungslos. Unsere einzige Hoffnung sind Ihre Gebete.“ Über Rasputins weiteres Verhalten berichtete Maria Rasputin in ihrem Buch „Mein Vater Rasputin“.

Rasputins Tochter Maria erzählte, was nach der Ankunft des Telegramms bei Rasputin passierte.

„Rasputin sagte, er werde jetzt versuchen, den schwierigsten, geheimnisvollsten aller Riten durchzuführen….Rasputin kniete vor die Ikone der Gottesmutter Maria und verfiel danach in eine Art Schwächezustand. Dann begann er sein Gebet: <…Heile Deinen Sohn Alexej, wenn es dein Wille ist. Verleih ihm meine Kraft, Gott, auf dass sie seiner Genesung diene…> – Vater sah so sonderbar aus – so krank, dass mich Furcht ergriff… Schließlich versagte ihm die Stimme und er musste einhalten.

Sein Gesicht, das weiß war wie ein Laken, war von Anstrengung entstellt, sein Atem ging stoßweise. Der Schweiß rann ihm von der Stirn über die Wangen. Seine gläsernen Augen blickten leer. Er stürzte rücklings auf den Boden, das linke Bein angezogen. Es schien, als wehrte er sich gegen einen Todeskampf.

Ich glaubte, dass er sterben würde, zwang mich aber, den Raum zu verlassen. Dann brachte ich meinem Vater Tee. Er war noch immer bewusstlos. Ich kniete an seiner Seite nieder und betete.

Nach einer Ewigkeit schlug er die Augen auf und lächelte. Gierig trank er den erkalteten Tee. Nach wenigen Augenblicken war er wieder ganz zu sich gekommen. Er weigerte sich jedoch, über das Vorgefallene zu sprechen und sagte nur: <Gott hat die Genesung gewährt>“.

Auf jeden Fall telegrafierte Rasputin folgende Antwort an die Zarin: „Habe keine Angst. Gott hat deine Tränen gesehen und deine Gebete erhört. Dein Sohn wird leben. Die Ärzte sollen ihn nicht weiter quälen.“

Tatsächlich stabilisierte sich der Zustand des Zarewitschs, um sich in den darauf folgenden Tagen langsam wieder zu verbessern. Die innere Blutung war ausgestanden. Es dauerte aber noch mehrere Monate, bis der Zarewitsch sich von diesen Strapazen erholte. Von nun an stand für die Zarin wie auch für ihre Vertraute Anna Wyrubowa unumstößlich fest, dass nur Grigori Rasputin mittels seiner gottgegebenen Heilkräfte die Krankheit des Zarewitschs beherrschen könne. Aus Dankbarkeit und auch, um die Heilung des Zarewitschs weiter zu begleiten, durfte Grigori Rasputin wieder nach St. Petersburg zurückkehren. Im Dezember 1912 wurde die gesamte Familie Rasputin von der Zarin im Haus von Anna Wyrubowa empfangen. Der Zar fehlte bei der Begegnung.

Nach der Genesung des Zarewitschs von einer vor der Bevölkerung geheim gehaltenen Krankheit, der angeblichen Beteiligung des Wunderheilers Rasputin und dessen Rückkehr nach St. Petersburg, kochte die Gerüchteküche wieder über. Gerade weil eine klare Erklärung fehlte, konnte jede Geschichte nach allen Richtungen ausgeschmückt werden.

Im Frühjahr 1913 unternahm die Zarenfamilie eine Reise nach Jalta. Der Zarewitsch konnte aufgrund seines Anfalls vom Vorjahr immer noch nicht richtig gehen und stürzte wieder. Es zeigte sich wieder ein schmerzhafter Bluterguss am Knie, der sich ausweitete. Da Rasputin nicht weit entfernt weilte, fragten die Eltern nicht weiter nach den Ärzten, sondern holten sofort Rasputin. Rasputin versank in ein Gebet und erklärte anschließend, der Zarewitsch solle ein paar Tage im Bett verbleiben, dann werde der Bluterguss wieder verschwinden, der Ärzte bedürfe es nicht. In der Tat ging der Bluterguss zurück. Die Ärzte behaupteten, dies sei bei einem solchen Bluterguss eigentlich normal, während die Zarin sich von der göttlichen Heilkraft Rasputins erneut bestätigt fühlte.

Im Frühjahr 1913 mischte sich Rasputin das erste Mal öffentlich in politische Angelegenheiten ein. Österreich hatte 1908 Bosnien-Herzegowina annektiert, und die Frage war, ob dies für Russland ein Kriegsgrund sei. Der Oberbefehlshaber des russischen Heeres, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch Duchonin drängte auf einen Krieg, während Rasputin den Zaren überzeugen wollte, sich zurückzuhalten. Auch gab er dem Journalisten Rasumowski ein Interview. Er erklärte: „Der Krieg ist eine schlechte Sache …. Mögen die Deutschen und die Türken sich gegenseitig zerfleischen: sie sind blind, denn es ist zu ihrem Unglück.“ Der Zar reiste im Mai 1913 nach Berlin, und die Sache wurde erst einmal aufgeschoben.

Diese beginnenden politischen Äußerungen Rasputins geschahen aber in einer sehr heiklen politischen Konstellation. Es gab stets Streit zwischen dem Zaren, welcher sich als die entscheidende Instanz ansah, und der Duma, welche auf größere Zuständigkeiten pochte. Zwar machten die Minister Politik, sie waren jedoch vom Zaren abhängig. Wenn jetzt diese etwas obskure Gestalt Rasputin an den Politikern vorbei direkt beim Zaren vorsprach, so war dies für die russischen Politiker ein sehr beunruhigender Vorgang.

Um die Probleme mit Rasputin zu beenden, wurden im Jahr 1913 mehrere Mordversuche geplant. Nach mehreren fehlgeschlagenen Mordversuchen musste deren Auftraggeber, Innenminister Chwotow, 1913 zurücktreten. Nach diesem Rücktritt publizierte einer der Helfer Chwotows, sein ehemaliger Untergebener Bjeljetzkij, einen Bericht mit allen Mordversuchen Chotows auf Rasputin in der Börsenzeitung, was die Regierung schwer diskreditierte. In vielen europäischen Zeitungen wurde über die Mordanschläge ausführlich berichtet.

Beim Attentat am 28. Juni 1914, einen Tag nach dem Attentat von Sarajevo, wurde Rasputin in seinem Heimatort von Kinia Gussowa, welche von dem Mönch Iliodor angeleitet wurde, niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Rasputin wurde im Krankenhaus von Tjumen acht Stunden lang operiert und es galt als Glücksfall, dass er diesen Angriff überlebte. Bei diesem Angriff wurde der Darm aufgeschlitzt, und eine in diesem Fall sehr wahrscheinliche Blutvergiftung hätte Rasputin nicht überlebt. Rasputin blieb vom 3. Juli bis zum 18. August im Krankenhaus von Tobolsk, während in Europa der Erste Weltkrieg anlief.

Rasputin schickte Telegramme an den Zaren, um ihn vor dem Krieg zu warnen, welche, nach Aussagen von Anna Wyrubowa, den Zaren sehr verärgerten. Rasputin schickte ungefähr 20 Telegramme. Das letzte Telegramm zerriss der Zar. Nach Ansicht des Zaren hatte Rasputin mit diesen Telegrammen das Gebot der Nichteinmischung in die politischen Angelegenheiten des Zaren übertreten.

Das Telegramm war recht chaotisch und lautete: „Ich glaube, ich hoffe auf Frieden, sie bereiten eine große Freveltat vor, wir sind nicht die Schuldigen, ich kenne all Ihre Qualen, es ist sehr hart, dass wir uns nicht sehen, die Umgebung hat im Herzen insgeheim davon profitiert, konnten sie uns helfen?“. Einfluss auf den Kriegsbeginn wie auch den weiteren Verlauf des Krieges hatte Rasputin eben nicht.

Von den Folgen dieses Attentats erholte sich Rasputin nie mehr richtig, während der Druck auf ihn in der nächsten Zeit immer weiter zunahm. Auch kamen nach dem Attentat immer wieder körperliche Schmerzen auf. Rasputin, der in seinen ersten Jahren in St. Petersburg keinen Alkohol getrunken hatte, suchte immer stärker Zuflucht beim Alkohol und betrank sich nun oft öffentlich bis zur Besinnungslosigkeit. Nach Aussagen seiner Tochter Maria wie auch des Staatssicherheitsdienstes wurde der Alkohol für ihn immer mehr zu einem Ventil gegen den immer stärkeren Druck der Öffentlichkeit. Auch wurden seine Besuche bei Prostituierten immer häufiger, was vom Rasputin beobachtenden Staatssicherheitsdienst protokolliert und dann in den Salons breitgetreten und ausgeschmückt wurde.

Rasputin war bis Ende August 1914 im Krankenhaus in Tjumen und kam dann so schnell wie möglich nach St. Petersburg. Enttäuscht darüber, dass er mit seinen Warnungen vor dem Krieg keinen Anklang fand – auch der Zar wollte von seinen Warnungen nichts wissen und die Zarin nahm den Kriegsbeginn fatalistisch hin – kehrte er Anfang November 1914 in seine Heimat zurück. Aber schon am 15. Dezember 1914 kam er wieder nach St. Petersburg zurück. Die letzten zwei Jahre seines Lebens begannen.

Am 2. Januar 1915 wurde die Hofdame Anna Alexandrowna Wyrubowa bei einem Zugunglück schwer verletzt. Man brauchte mehrere Stunden, um sie aus dem Wrack zu befreien, Beine und Wirbelsäule waren verletzt. Wyrubowa war ohnmächtig und wurde in die Zarenresidenz in Zarskoje Sjelo gebracht. Dort bekam sie die Sterbesakramente. Wieder einmal wurde Rasputin gerufen und nach einem langen Gebet sprach Rasputin Wyrubowa an und diese wachte auf. Ob Zufall oder nicht, für die anwesende Zarin, wie auch für Wyrubowa, hatten sich wieder einmal Rasputins Heilkräfte gezeigt. Auf jeden Fall eilte Rasputin daraufhin sofort in ein Nebenzimmer und wurde dort selbst ohnmächtig. Seit dem Attentat im Juni 1914 war und blieb er selbst geschwächt. Wyrubowa erholte sich langsam wieder, aber es dauerte noch ein halbes Jahr, bis sie das Bett verlassen konnte. Sie konnte nie mehr ohne Krücken gehen.

Am 10. Januar schrieb Rasputin an Anna Wyrubowa folgendes Telegramm: „Obwohl ich nicht in deinem Körper präsent war, so war ich doch im Geist mit dir (englisch: In spirit I rejoiced with you). Meine Gefühle sind die Gefühle von Gott….“

In der ersten Jahreshälfte 1915 war von Rasputin durch öffentliche Ausfälle und Skandale die Rede. Früher trank Rasputin heimlich, nun betrank er sich öffentlich, und wenn er abends erst einmal zu trinken begann, gab es kein Halten mehr. Einen Höhepunkt erreichten seine Ausfälle am 25. März 1915 im Restaurant Jar in Moskau. Rasputin, völlig betrunken, belästigte die Sängerinnen, stieg auf den Tisch um mitzutanzen, machte sich über die Zarin lustig und machte alle Dummheiten eines Betrunkenen. Der Staatssicherheitsdienst und die Presse schrieben alles mit, und der Skandal war landesweit.

Rasputin wurde vom Zaren und der Zarin zu seinem Verhalten befragt, er versprach Besserung, trotzdem war sein Verbleiben in St. Petersburg nicht mehr möglich. Im Juni 1915 reiste Rasputin wieder nach Pokrowskoje in seine Heimat zurück.

Nach anfänglichen Kriegserfolgen folgten für das russische Heer katastrophale Niederlagen. Die deutsche Kriegsindustrie war der russischen um Längen überlegen und die „Strategie“, die deutsche Armee durch russische Soldatenmassen zu überrennen, erwies sich angesichts der neuen Waffen als Illusion der Generäle. Mit zunehmender Kriegsdauer zeigte sich der katastrophale Mangel von Munition und Waffen immer mehr. Ab 1915 wurde zudem die Versorgungslage der Bevölkerung, zu viele Bauern waren eingezogen, immer schlechter. Es wurde nach Verantwortlichen gesucht. Die innenpolitische Lage spitzte sich zu und ab dem 28. August des Jahres 1915 übernahm der Zar selbst den Oberbefehl über die russischen Truppen und lebte daraufhin vorwiegend in Mohilew im Hauptquartier der Armee. Der abgesetzte Großfürst Nikolai, ein Onkel des Zaren und Vorsitzender des „Verbandes echt russischer Leute“, intrigierte von dieser Zeit an voller Erbitterung gegen den Zaren und die Zarin.

Nach drei Monaten in seiner Heimat bekam Rasputin wieder die Erlaubnis, nach St. Petersburg zurückzukehren, und traf am 28. September 1915 wieder in der Hauptstadt ein.

Die Zarin traf Rasputin zu Beginn des Krieges, bei einer stabilen Gesundheit des Zarensohnes, sehr selten. Die Zarin beschäftigte sich mit karitativen Tätigkeiten. Aufmerksamkeit erregte Rasputin wieder bei der Heilung von Anna Wyrubowa nach dem Eisenbahnunfall im Januar 1915. Und erst durch die folgende Krise des Zarensohnes kam die Zarin zur Überzeugung, dass Rasputin es sei, welcher Russland aus seiner schweren Krise herausführen könne.

Ende des Jahres 1915 lässt der Zar seinen Sohn in sein Hauptquartier kommen. Durch heftiges Niesen bekommt der Zarewitsch am 3. Dezember jedoch Nasenbluten, welches sich nicht stoppen lässt. Ohnehin war Nasenbluten bei Blutern besonders gefährlich. Andere offene Blutungen behandelte man mit Schlammbädern, was bei Nasenbluten nicht ging. Am 5. Dezember wurde der Zarewitsch wieder zurück zum Zarenpalast gebracht.

Die Hofdame Anna Wyrubova beschrieb die Situation folgendermaßen: „Ich kann niemals mehr vergessen, wie die ängstliche, arme Mutter die Ankunft ihres kranken, vielleicht sterbenden Sohnes erwartete. Auch kann ich nicht das wächserne, totenbleiche kleine Gesicht des Kindes vergessen, als es mit unendlicher Sorgfalt in den Palast getragen und auf sein kleines weißes Bett gelegt wurde….Es schien für uns alle, die wir um das Bett versammelt waren, dass die letzte Stunde für das unglückliche Kind geschlagen habe.“

Die Ärzte am Zarenhof versuchten weiter die Blutung zu stoppen, hatten aber auch keinen Erfolg. Wieder einmal wurde Rasputin geholt. Er kam in den Palast, machte ein großes Kreuzzeichen, betete, erklärte nach kurzer Zeit, dass kein Grund zur Sorge bestehe und ging wieder. Kurz darauf schlief der Zarensohn ein. Am nächsten Morgen hatte er keine Probleme mehr.

Anna Wyrubowa schrieb über diese „Heilung“, dass die behandelnden Ärzte Derewenko und Fedoroff ihr gegenüber erklärten, die Heilung sei sicher eine Tatsache, sie könnten sie aber nicht erklären.

Ein weiteres Problem trat beim Zarensohn im April 1916 auf. Seit einigen Tagen breitete sich ein Bluterguss im Arm aus. Die Zarin telegrafierte an Rasputin, der aktuell in seiner Heimat weilte, und bekam als Antwort: „Er wird genesen.“ Und tatsächlich, bald darauf verschwand der Bluterguss. Unabhängig von der Meinung der Ärzte war dies wieder ein Anlass für die Zarin, ihrem Freund für seinen Beistand zu danken.

Um eine Vorstellung von den Vorwürfen gegen Rasputin zu bekommen, soll nun ein Gespräch wiedergegeben werden, über welches Tatjana Botkin berichtet. Im Hause ihres Vaters, des Arztes des Zarensohnes, war eine Runde zusammengekommen, an der auch Offiziere teilnahmen. Einer der Gäste, der Hauptmann des Preobraschenskij-Regiments A. S. Suchotin, einer der späteren Mörder Rasputins, erhitzte sich über Rasputin:

„Das Leben dieses Mannes ist ein permanenter Skandal. In Petrograd spricht man nur noch davon. Er versucht gar nicht mehr, sich zu verstecken, so als wäre er sicher, immer straflos auszugehen. Zu seinem Namenstag hatte er einige Damen aus der besten Gesellschaft eingeladen. Der Alkohol floss in Strömen. Schon von der Straße her war sein donnerndes Lachen inmitten von lauten, mehr oder weniger alkoholisierten Gesprächsfetzen zu hören. Um den Abend etwas pikanter zu gestalten, hatte er junge Mädchen vom Lande kommen lassen, die ihm völlig zu Willen waren. Denn der <heilige Mann> schätzt Unzucht und Orgien über alles! Statt daran Anstoß zu nehmen, machten die feinen Damen hemmungslos mit. Von diesem Spektakel entsetzt, weigerten sich die Zigeuner-Musikanten zu spielen und gingen nach Hause.

Im Flur standen Polizisten Wache. Schließlich wurden die Ehemänner dieser jungen Damen verständigt, zumeist Offiziere. Im Morgengrauen stürmten sie mit gezogenem Degen ins Haus und wollten Rasputin erledigen. Doch widersetzten sich die Polizisten. Der Gastgeber nutzte die Gelegenheit, um über die Dienstbotentreppe mit seinen Gespielinnen zu entkommen. Die Offiziere fanden in der Wohnung nur ein paar Lakaien und einige „junge Mädchen“ in einem bedauernswerten Zustand. Und dieser Mensch wird bei Hofe empfangen! Die Kaiserin macht alles was er will! Er sucht sich die Minister aus! Das ist doch zum Auswachsen!“

Der französische Botschafter am Zarenhof, Maurice Paleologue, meldete folgende „Erkenntnisse“ über Rasputin: „…In Zarazin schändete er eine Nonne, die er zu beschwören unternommen hatte. In Kasan, an einem hellen Juniabend, war er betrunken und verließ ein öffentliches Haus, indem er ein nacktes Mädchen vor sich hertrieb, das er mit seinem Gürtel durchpeitschte, was in der Stadt ein höchst unliebsames Aufsehen erregte. – In Tobolsk verführte er die sehr fromme Gattin eines Ingenieurs….“. So ging es im Stile einer Seifenoper weiter, jeden Tag etwas Neues. Über die sibirische Bevölkerung schrieb der französische Botschafter: „Durch die Taten, die Rasputin unaufhörlich wiederholte, wuchs das Ansehen seiner Heiligkeit von Tag zu Tag. In den Straßen kniete man auf seinem Weg nieder; man küsste seine Hände, man berührte den Rand seiner Tulupa.“

In den 15 Monaten vom September 1915 bis zur Ermordung Rasputins im Dezember 1916 war nun der Zar überwiegend im Armeehauptquartier in Mohilew, während die Zarin und Rasputin, welcher bald wieder aus Sibirien zurückkam, in St. Petersburg blieben. Dies heizte die Gerüchteküche insoweit an, dass die Zarin als Deutsche während des Krieges gegen Deutschland stets der Unterstellung ausgesetzt war, insgeheim auf der anderen Seite zu stehen, während Rasputin aus seiner tiefen Ablehnung dieses Krieges nie einen Hehl gemacht hatte und dem man ohnehin alles zutraute. Entscheidungen fällen konnte zwar nur der Zar, der aber in ausgiebigem Briefkontakt mit der Zarin blieb.

Ab der erneuten „Heilung“ des Zarensohnes durch Rasputin im Dezember 1915 begann die Zarin Rasputin zu ermuntern, zu allen politischen Fragen Stellung zu nehmen.

Nach Meinung der Zarin war es allein Rasputin, der Russland zum Sieg führen könne. Rasputin hatte ihr schon vor vielen Jahren gesagt, dass ihr Sohn gesund werden würde und sein Zustand hatte sich doch jetzt wirklich prächtig entwickelt. Die Zarin glaubte, dass nun, in der gegenwärtigen russischen Katastrophe, Rasputin für ganz Russland zuständig wäre. Für den Zaren war jedoch Rasputin ein Mensch, den er zwar wegen seiner Heilkräfte für seinen Sohn brauchte. In der Politik wollte der Zar Rasputin aber nicht sehen und die Probleme, die ihm Rasputin schuf, waren dem Zaren sehr bewusst. Deshalb befahl er Rasputin mehrmals wieder in seine Heimat zurückzukehren.

Inwieweit der Zar trotzdem von den Briefen der Zarin beeinflusst wurde, darüber kann man spekulieren, auch waren die durch die Zarin weitergeleiteten Ratschläge in der Regel nicht schlecht, Gerüchten waren auf jeden Fall Tür und Tor geöffnet, und einen Schuldigen für die katastrophale Lage des Reiches hatte man auch gefunden.

Wie der Zar über die Ratschläge Rasputins dachte, lässt sich aus folgenden Beispielen ablesen. Über die Vorschläge Rasputins für Ministerposten schreibt der Zar im Oktober 1916: „Du musst zugeben, dass die Ideen unseres Freundes manchmal sonderbar sind…“. Und in einem späteren Brief schreibt er: „Mir platzt der Kopf von all diesen Namen… Die Meinungen unseres Freundes sind manchmal sehr merkwürdig….“. Im November, einen Monat vor dem Mord an Rasputin schreibt dann der Zar: „Es ist gefährlich Protopotow im Innenministerium zu haben…Ich bitte dich, zieh unseren Freund nicht in diese Angelegenheit hinein. Die Verantwortung liegt bei mir.“

Als im Herbst 1916 der Zar den Ministerpräsidenten Stürmer absetzt, schreibt ihm die Zarin, es schnüre ihr die Kehle zu, Stürmer sei ein so loyaler, zuverlässiger, rechtschaffener Mann. Immerhin wurde Stürmer ihr von Rasputin empfohlen, aber der Zar, der manches neutraler sah, ging über diese Einwände hinweg.

Am 13. Dezember, vier Tage vor Rasputins Tod, schreibt die Zarin an den Zaren: „Warum verlässt du dich nicht vermehrt auf unseren Freund, der uns durch Gott den Weg zeigt?“

Es sind diese letzten 15 Monate mit dem abwesenden Zaren und einem Rasputin, welcher sich oft nicht mehr unter Kontrolle hatte und von der Zarin stets nach seiner Meinung befragt wurde, welche das Bild Rasputins in der Nachwelt entscheidend prägten.

Im Jahr 1916 eskalierte die Kriegskatastrophe. Das Land war den Anforderungen eines Krieges nicht gewachsen. Es häuften sich die militärischen Niederlagen. 2 Mio. Tote, 4 Mio. Verletzte, keine Perspektive. So hatten es sich die Politiker in ihrer anfänglichen Kriegsbegeisterung nicht vorgestellt. Die Niederlagen wurden auch nie mit den realen Transportproblemen, der schlechten Ausrüstung der Armee und fehlender Rüstungsindustrie begründet, sondern man suchte die Schuld bei dunklen Kräften und Spionen. Auch die Versorgungslage der Städte verschlechterte sich immer mehr. Die Arbeiter in St. Petersburg litten Hunger und demonstrierten gegen die hohen Brotpreise und weitere Truppenaushebungen. Es wurde nach einem Schuldigen gesucht und die politische Klasse war sich im Herbst 1916 weitgehend einig: Schuldig war Rasputin mit seinem Einfluss auf die Zarin und den Zaren. Rasputin musste weg, egal wie.

In dieser Situation sprachen sich die Mitglieder der kaiserlichen Familie ab, um unter der Leitung der Zarenmutter Maria Fjodorowna den Zaren zu überzeugen, dass Rasputin wieder nach Sibirien zurück müsse. Die Zarenmutter fuhr zu ihrem Sohn ins Hauptquartier, konnte aber nichts erreichen, wie auch der Onkel des Zaren, Nikolaus Michajlowitsch. Der Zar war der Meinung, er habe niemand Rechenschaft über Rasputin abzulegen. Ob er Empfehlungen von irgendjemand befolge oder nicht, das sei allein seine Sache.

Dem Grafen Fredericks hat er seine Sichtweise folgendermaßen erklärt: „Rasputin ist ein einfacher russischer Mönch, sehr religiös und fromm. Die Zarin mag seine Aufrichtigkeit, sie glaubt an die Kraft seiner Gebete…für Alexej, aber das ist unsere Privatangelegenheit. Es ist erstaunlich, wie gern sich die Menschen in Dinge einmischen, die sie nichts angehen.“

In der Tat stand der Zar den personellen Vorschlägen von Rasputin recht kritisch gegenüber, er wollte sie nicht. Er sah in Rasputin hauptsächlich den Helfer für seinen Sohn, aber darauf kam es jetzt nicht mehr an.

Im November 1916 gab es in der Duma wegen des angeblichen Verräters und politischen Drahtziehers Rasputin tumultartige Szenen und auch der Zar wurde massiv angegriffen. Es wurden Zettel verteilt mit angeblichen Befehlen Rasputins an den Zaren. Für das russische Parlament gab es zu dieser Zeit nur noch das Thema „Rasputin“. Der Vorsitzende der Städtevertreterversammlung, der Fürst Lwow, forderte die Duma sogar auf, die Geschicke des Landes selbst in die Hand zu nehmen, da der Zar, von Rasputin abhängig, dazu offensichtlich nicht mehr fähig sei. Dies war eigentlich die Aufforderung zum Staatsstreich.

Auch der „monarchistische“ Abgeordnete Wladimir Purischkewitsch, ein treuer Anhänger des vom Zaren als Oberbefehlshaber abgesetzten Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch, wetterte in einer flammenden Rede: „Finstere Kräfte sind es, die das Land regieren und den Willen des Herrschers in Fesseln legen.“ Und er nannte gleich die „finsteren“ Kräfte beim Namen: „Dies alles geht von Rasputin aus. Die Existenz des Reiches ist bedroht.“ Zwei Monate später war Wladimir Purischkewitsch einer der Mörder Rasputins.

Daraufhin löste die Zarin die Dumasitzung, rechtlich zweifelhaft, auf. Die Zarin berief sich dabei auf die akute Gefahr eines Staatsstreiches. Das Parlament setzte aber die Sitzungen in Moskau fort, während im Hintergrund bereits die Planungen für den Mord an Rasputin begannen.

Die Ermordung Rasputins mit ihrer Vorgeschichte wirft ein Licht auf die Situation in der höheren Petersburger Gesellschaft und der Familie der Romanows unmittelbar vor dem Untergang des Zarenreichs.

Es war der Polizei bekannt, dass ein Attentat unmittelbar bevorstand. Von verschiedenen Seiten kamen Hinweise, und auch Rasputin selbst wurde am Tag des Attentats noch telefonisch gewarnt. Wie sich später zeigte, gab es neben den Attentätern auch noch eine ganze Gruppe von Mitwissern in der höheren Gesellschaft Petersburgs, darunter etliche Mitglieder des Romanow-Clans. Auch der britische Geheimdienst wusste genau Bescheid. Das bevorstehende Attentat war Gesprächsstoff für weite Teile der St. Petersburger Gesellschaft. Auch die Zarin machte sich über die Situation große Sorgen.

Die Hofdame Lili Dehn wurde wenige Tage vor dem Mord zur Zarin gerufen, die ihr erklärte: „Warum kam Gregori nach St. Petersburg zurück? Der Zar wünscht es nicht und ich auch nicht. Da er aber nichts Unrechtes getan hat, können wir ihn nicht abschieben. Warum sieht er nicht seine Dummheit ein? Kannst Du ihn vielleicht überzeugen zurückzukehren?“

Es wurde Rasputin dringend empfohlen, sein Haus nicht mehr zu verlassen, und der Personenschutz für Rasputin wurde weiter verstärkt. Rasputin traute sich kaum noch aus dem Haus, nahm dann aber eine Einladung von Felix Jussupow an und wurde in dessen Palast ermordet. Felix Jussupow war der Ehemann einer Nichte des Zaren und einer der wenigen Menschen der höheren Gesellschaft Petersburgs, denen Rasputin noch vertraute. Jussupow war über längere Zeit ein ständiger Besucher Rasputins und Rasputin betrachtete ihn als seinen Freund.

Rasputin wurde am 17. Dezember 1916 (30. Dezember nach dem gregorianischen Kalender) ermordet. Die Haupttäter waren Felix Jussupow, der Ehemann einer Nichte des Zaren, in dessen Palast der Mord auch stattfand, der Dumaabgeordnete Wladimir Purischkewitsch und der „Lieblingsneffe“ der Zarenfamilie, Großfürst Dimitri Pawlowitsch. Des Weiteren waren der Hauptmann A. S. Suchotin des Preobraschenskij-Regiments und der Sanitätsarzt Dr. S. S. Lasowert beteiligt. Auch unterstützten Mitarbeiter des englischen Geheimdienstes, welche die Abneigung Rasputins gegen den Krieg fürchteten, die Attentäter. Die Mörder Rasputins wurden schnell gefunden; sie gingen jedoch aufgrund massiven Drucks wesentlicher Teile des Romanow-Clans weitgehend straffrei aus. Der Großfürst Alexander Michailowitsch hatte beim Zaren vorgesprochen. Er legte ihm einen Brief mit der Forderung nach Straffreiheit der Attentäter aus der Romanowfamilie vor. Diese Forderung war von fast allen Mitgliedern der Romanowfamilie unterzeichnet. Großfürst Alexander Michailowitsch drohte dem Zaren mit der Absetzung durch die eigene Familie, sollte seinen Forderungen nicht stattgegeben werden.

Der Zar bestand jedoch darauf, dass Felix Jussupow wenigstens auf sein Landgut zurück musste, und der Großfürst Dimitri musste in ein Regiment an der persischen Grenze wechseln. Die übrigen Attentäter wurden nicht behelligt. Dies hieß aber auch, dass Wladimir Purischkewitsch, dessen Teilnahme an der Ermordung Rasputins allgemein bekannt war, weiterhin ein führender Parlamentarier in der russischen Duma blieb.

Über den Mord an Rasputin ist in fast allen Büchern eine merkwürdige Geschichte nachzulesen. Sie basiert auf der Beschreibung der Tat durch den Attentäter Jussupow. Die Darstellung Jussupows ist allerdings weitgehend falsch, sie steht nicht im Einklang mit den Obduktionsergebnissen an Rasputin. So habe Rasputin Unmengen von mit Zyankali vergiftetem Kuchen und Madeirawein vertilgt, ohne sich daran zu vergiften. Erstens ergab die Obduktion der Leiche Rasputin kein Zyankali im Magen Rasputins, zweitens hat Rasputin seit dem Attentat von 1914 aufgrund von Magenproblemen nichts Süßes mehr gegessen oder getrunken. Offensichtlich wollten die Mörder Rasputins ihren Mord als eine große vaterländische Tat erscheinen lassen. Eine polizeiliche Untersuchung der Tat hat es nur in Ansätzen gegeben, sie wurde vom Zaren gestoppt.

Aufgrund der Obduktion Rasputins ergeben sich andere Fakten. Das rechte Auge war ausgeschlagen und hing seitlich heraus, der ganze Körper war von Quetschungen und Blutergüssen übersät. Besonders betroffen waren die Magengegend und der Unterleib. Die Hoden Rasputins wiesen besonders schwere Quetschungen auf. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Täter durch Misshandlungen, die sich bis zur Folter steigerten, aus Rasputin Geständnisse und vielleicht auch Details einer vermuteten intimen Beziehung zur Zarin herauspressen wollten.

Aufgrund der Ereignisse nach der Ermordung Rasputins war der Sturz des Zaren, weniger als drei Monate nach dem Mord an Rasputin, nicht weiter verwunderlich. Für die Bauern, die mehr als drei Viertel der Bevölkerung ausmachten, war Rasputin einer der ihren, der nun von den Adligen ermordet wurde, ohne dass der Zar die Schuldigen bestrafte. Die Autorität des Zaren bei den Bauern litt schwer: er war nicht mehr der Vater der russischen Bauern, sondern mehr ein Vertreter des russischen Adels, der einen der ihren ermordete. Was sich nicht änderte war, dass Russland dem modernen Industriestaat Deutschland an der Front unterlegen und das Transportwesen für diesen Krieg nicht vorbereitet war.

Für die Gegner Rasputins, seien es weite Teile der Familie Romanow wie auch für große Teile der politischen Klasse Russlands, war ein Zar, der Rasputin ermorden ließ, ohne die Schuldigen drakonisch zu bestrafen, ja sogar hinnahm, dass einer der Mörder, Wladimir Purischkewitsch, weiterhin im Parlament Reden hielt, ein zahnloser Tiger, der keinen Respekt mehr verdiente und vor dem sich auch kein Intrigant mehr zu fürchten brauchte. Und schließlich machte im mystischen Russland noch die Warnung die Runde, welche Rasputin gegenüber der Zarenfamilie oft ausgesprochen hatte und die in größeren Kreisen bekannt war: „Wenn ich sterbe oder wenn ihr mich fallen lasst, werdet ihr euren Sohn und die Krone verlieren, bevor sechs Monate vergangen sind.“

Es gibt viele Beschreibungen von dem besonderen Charisma Rasputins. Ob bei Anhängern oder bei Gegnern, immer wieder wird von seiner besonderen Ausstrahlungskraft und seinen Suggestionskräften berichtet. Dieses Charisma Rasputins ist auch in der Hinsicht von Belang, dass es viel zu der Verteufelung Rasputins als des leibhaftigen Bösen beitrug. Es folgen Berichte einiger Zeitgenossen.

Der Sicherheitschef des Zarenpalasts, General Dedjulin, schrieb als Stellungnahme zu Rasputin: „Rasputin ist ein begabter Bauer, unehrlich, intelligent und mit Suggestionskräften ausgestattet, die er auszuschöpfen versteht…“

Die Hofdame Lili Dehn schreibt über ihr erstes Zusammentreffen mit Rasputin: „Ich war vom ersten Augenblick an getroffen von seiner unheimlichen Erscheinung. Zuerst schien er wie ein typischer Bauer, aber die Augen hielten die meinen gefangen, sie strahlten wie aus Stahl (…) Ich war zugleich angezogen, angewidert, beunruhigt und wieder beruhigt, darüber hinaus schafften seine Augen ein Gefühl des Schreckens und des Widerwillens. (…) Als die Zarin erschien, grüßte sie mich mit den Worten <So, Lili, du hast nun unseren Freund gesehen. Er wird dir immer helfen>.“

Die Schauspielerin Vera Jurenewa erzählt: „… Dann gingen wir zu Rasputin. Das war ein phantastischer Mensch. Er wohnte gleich neben dem Restaurant „Wien“, in der Gorochowaja-Straße (…) Seine Augen saugten sich an mir fest, ich erinnere mich noch physisch an dieses Gefühl (…) Immer mehr Frauen kamen.

Munja lief mit dem Eifer einer Dienerin zur Tür, um zu öffnen. Dann sagte er zu ihr: „Schreib“. Und begann zu reden – über Sanftmut und die Seele. Ich versuchte es mir zu merken, schrieb es zu Hause sogar auf, aber es war nicht mehr das Richtige (…) Als er sprach, bekamen alle glühende Augen (…) Ich war wie berauscht.“

Rasputins Freund Aron Simanowitsch beschrieb Rasputins Wirkung so: „Rasputin liebte es, seine Gesprächspartner zu erbauen und er beschränkte sich dabei auf kurze Formeln, die oft schwer zu begreifen waren, doch so vorgetragen, dass sich seine Überzeugung vom Wert seiner Botschaft auf die anderen übertrug.“

Keine besondere Ausstrahlung sah Zarenschwester Olga. Sie schrieb: „Ich glaube nicht, dass in seinem Wesen irgendetwas Unwiderstehliches war. Wenn überhaupt irgendetwas, dann fand ich ihn ziemlich primitiv. Seine Stimme war sehr rau und grob, und es war fast unmöglich, eine Unterhaltung mit ihm zu führen.“

Ministerpräsident Stolypin, welcher im Jahr 1910 Rasputin aus St. Petersburg ausweisen wollte und deshalb ein Gespräch mit ihm hatte, beschrieb seinen Eindruck über Rasputin gegenüber dem späteren Parlamentspräsidenten Rodsjanko so: „Ich spürte eine unheimliche Abneigung in mir aufkommen. Dieser Mann hatte eine gewaltige magnetische Kraft und löste in mir eine starke Gemütsbewegung aus, und sei es eine des Widerwillens.“

Der französische Botschafter Maurice Paleoloque beschrieb Rasputin in seiner frühen Petersburger Zeit folgendermaßen:

„Dunkles, langes und unfrisiertes Haar, schwarzer Vollbart, hohe Stirne, eine breite, hervortretende Nase, kräftiger Mund. Doch der ganze Gesichtsausdruck ist in den flächsern-bläulichen Augen konzentriert, glänzend und tief liegend, merkwürdig magnetisch anziehend. …. Wenn er beim Sprechen auflebt, laden sich seine Pupillen förmlich magnetisch auf….“

Rasputins Aufdringlichkeit wird oft beschrieben. Die „normalen“ Umgangsformen waren nicht unbedingt Rasputins Sache. Sein Bekannter Wladimir Bontsch-Brujewitsch beschreibt eine Situation im Salon in der Aristokratenfamilie Ixkuel: „Als er anderen Gästen vorgestellt wurde, stellte er sogleich die Frage: „Verheiratet? – Und dein Mann? Warum bist du allein gekommen? Wenn ihr zusammen wärt, könnte ich sehen, wie es euch geht.“

Die Zarenschwester Olga Alexandrowna war oft in der Residenz der Zarenfamilie. In ihrem Bericht über Rasputin gestand sie ihm seine Aufrichtigkeit ausdrücklich zu. Trotzdem, so schrieb sie, konnte sie sich nie überwinden, Rasputin zu mögen. Ein Grund dafür war seine Neugierde. Sie schrieb darüber anlässlich einer Begegnung in der Zarenresidenz:

„Es war seine Neugierde – ungezügelt und peinlich. …Rasputin begann mir mit den impertinentesten Fragen zuzusetzen. War ich glücklich? Liebte ich meinen Ehemann? Warum hatte ich keine Kinder? Er hatte kein Recht mir solche Fragen zu stellen, also antwortete i

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