Die Erkenntnistheorie oder Epistemologie ist neben u. a. der Ethik, der Logik und der Ontologie eine der zentralen Disziplinen der Philosophie. Während die Ontologie nach den fundamentalen Strukturen der Realität fragt und die Ethik, wie wir handeln sollen, fragt die Erkenntnistheorie, wie wir davon wissen können. Dabei können sich Erkenntnistheorien auf die unterschiedlichsten Gegenstandsbereiche beziehen, etwa auf Wissen im Bereich der Naturwissenschaften, der Metaphysik oder der Moral. Die Erkenntnistheorie befasst sich in diesen Bereichen mit Fragen wie: welche Erkenntnisse können als verlässlich oder wahr bezeichnet werden? Welche Kriterien können dazu herangezogen werden? Wie kommen wahre und gerechtfertigte Meinungen zustande, wie werden sie als solche erkennbar? Wie sind die zentralen Begriffe der Erkenntnistheorie, wie etwa Wissen oder Gewissheit, zu analysieren? Welche äußeren Bedingungen sorgen dafür, dass bestimmte Überzeugungen als gültig oder wahr in Betracht kommen?
Das deutsche Wort wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlicher, als sich ein praxisorientierter untheoretischer Umgang mit Erkenntnis in den Naturwissenschaften vom philosophischen theoretischen abspaltete. Die Auseinandersetzung mit Immanuel Kant (namentlich die Arbeiten Wilhelm Traugott Krugs und Christian Ernst Reinholds) hatte den Begriff dabei Anfang des 19. Jahrhunderts vorformuliert. Das Wort „Epistemologie“ (von griechisch ἐπιστήμη, epistéme - Erkenntnis, Wissen, Wissenschaft + λόγος, lógos - auch Wissenschaft, Lehre) kam mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts im Englischen und Französischen in Mode und bleibt im Deutschen zumeist mit den moderneren ausländischen Theorieschulen verbunden. Anders als bei den Begriffen „Kunst“ und „Literatur“ wurde mit dem der „Erkenntnistheorie“ kein gänzlich neuer Bereich geschaffen, d. h. es wurden nicht etwa Texte zusammengestellt, die bis dahin nicht in einem entsprechenden Zusammenhang standen. Philosophen wie John Locke und David Hume hatten im 17. und 18. Jahrhundert über das „Human Understanding“ (die menschliche Erkenntnis) ihre Grundlagenwerke geschrieben und sich dabei bereits in einer in die antike Philosophie zurückreichenden Tradition gesehen.
Die Erkenntnistheorie greift in ihren Diskussionen in Wissenschaften, Rechtsbegründungen, religiöses Denken und die Legitimation staatlicher Verfassungen ein. Darin liegt ein kritisches Potential: Oft bietet sie, da sie Verlagerungen ins Abstrakte, Grundsätzliche und Theoretische erlaubt, Diskussionen Raum, die in den zur Debatte stehenden Bereichen nicht so frei geführt werden können: Diskussionen, in denen kritisch gefragt werden kann, mit welcher Gewissheit Religionen, Politik und Wissenschaften zu ihren „Erkenntnissen“ kommen und sie verbreiten. Sie kann jedoch genauso gut auch neue Begründungen stützen und Systeme unterstützen, deren Grundlagen kritisiert wurden, etwa insofern sie die dabei beanspruchten Erkenntnisse für unfundiert, die dabei verwendeten Argumentationsformen für nicht rational rechtfertigbar erklärt. Als Methode verspricht sie Wissenschaftlichkeit, Unparteilichkeit, Argumentationsformen, die allen vernünftig Nachdenkenden nachvollziehbar sein sollen und Bereitschaft, sich beliebigen Gegenargumenten zu stellen. Solange es Einsprüche gibt, mahnt sie, sich mit der Formulierung abschließender Erkenntnissen zurückzuhalten. Darin liegt eine Selbstbeschränkung des Urteils, welche wahre und gerechtfertigte Erkenntnisse vom bloßen Meinen abgrenzt.
Zentrale Probleme erkenntnistheoretischer Untersuchungen können im Kern als unlösbar und dabei sehr einfach und grundlegend verstanden werden. Man spricht bezüglich der Ausweglosigkeit der Problemlösungen zuweilen auch von Aporien. Eine Reihe von Gedankenspielen ziehen sich mit ihnen durch die Philosophiegeschichte: Können wir zweifelsfrei feststellen, ob wir träumen oder wachen? Lässt sich „mein“ Bild der Außenwelt von dieser selbst sicher unterscheiden, und wenn ja, wie genau? Inwiefern ist „mein“ Bild meines, inwiefern geprägt durch von anderen Übernommenes, etwa durch die Sprache und deren Kategorien?
Auch ethische Probleme fallen in den Gegenstandsbereich der Erkenntnistheorie. Kann etwa der Satz „Du sollst nicht töten“ auf ähnliche Weise als wahr erkannt werden wie Aussagen über Gegenstände? Falls Wahrheit Übereinstimmung von "Bild" und "Realität" ist, womit stimmt dann ein solcher ethischer Satz überein?
Grundlegende Fragen kommen in bewusstseinsphilosophischen, naturwissenschaftlichen und theologischen Diskussionen hinzu: Woher weiß ich, dass ein anderer Mensch ein Bewusstsein hat? Wie kann ich die Gedanken, Schmerzen und Emotionen eines anderen Menschen kennen? Gibt es außerhalb des sinnlich Wahrnehmbaren noch andere Gegenstände und Sachverhalte, etwa Transzendenz bzw. ein Göttliches? Wenn ja, inwiefern kann man darüber Erkenntnis besitzen und bewerten, inwiefern kann man überhaupt sinnvoll darüber sprechen?
Wittgensteins letzte Reflexionen über das Thema „Gewissheit“ (posthum veröffentlicht 1969) boten eine dritte Wendung des erkenntnistheoretischen Projektes, das den Autor seit Anfang des Jahrhunderts beschäftigte. Mit dem Tractatus hatte er 1922 maßgeblich den „linguistic turn“ des Faches bestimmt, mit den Philosophischen Untersuchungen 1936-1946 (posthum veröffentlicht 1953) hatte er sich vom Projekt der Abbildung der Welt mittels Sachverhaltsaussagen und Aussagenlogik wegbewegt zu einem weitaus umfassenderen Nachdenken über das Funktionieren von Sprache. Mit Über Gewissheit fragte er nach dem Bereich im Leben, in dem die Probleme der Erkenntnistheorie überhaupt interessant werden – das war eine ganz andere Eingrenzung des Projekts, als sie die Kollegen in der Philosophie bislang suchten, wenn sie vermuteten, die Grenzen ihres Faches lägen dort, wo sie etwas nicht mehr sicher wissen könnten.
Wittgensteins Verweis darauf, dass die Grenzen der Erkenntnistheorie schlicht dort lagen, wo ein anderes (etwa das alltägliche) Nachdenken mit denselben Problemen umging, war ein Affront gegen die Philosophie. Die Erkenntnistheorie erörterte demnach gar nicht „viel tiefgreifender“ die Fragen, die jeden denkenden Menschen beschäftigen müssen. Das war nur eine ihrer Behauptungen. Sie war eher eine Art Spiel nach speziellen Regeln in einem kleinen Teilnehmerkreis – ein sehr spezielles „Sprachspiel“ – und das, obwohl ihre Fragen essentiell und einfach sind wie eben jene, ob es Bäume auch außerhalb unserer Wahrnehmung gibt.
Erkenntnistheoretiker interessieren sich mit Vorliebe für Fragen, die nach kurzer Erwägung als unlösbare im Raum stehen. Sie interessiert dabei kein bestimmter Zweifel, sondern derjenige von möglichst großer Tragweite:
Wir lernen, im Alltag diesen besonderen, prinzipiell unlösbaren Fragen keine weitere Bedeutung beizumessen − „wer bei Verstand ist, kann zwischen Traum und Realität unterscheiden“, Sätze wie dieser haben Gültigkeit, obwohl keinem Philosophen eine eindeutige Unterscheidung samt unbestreitbarem Nachweisverfahren gelang. Die eigentliche Frage ist, warum diese besonderen Probleme im selben Moment in der Philosophie als bislang ungelöste in der Diskussion behalten werden.
Erkenntnistheoretische Debatten gewinnen gesellschaftliche Brisanz, da sie mit wenigen Fragen die Begründung ganzer Systeme erschüttern können – und sie erweisen sich manchmal als nicht ungefährlich. Die Geschichte des Todesurteils, das Sokrates 399 v. Chr. akzeptierte, gehört zu ihren Gründungsmythen. Dieser hatte eine Schule gegründet, die grundlegende, und prinzipiell jegliche Gewissheiten auf ihre begründete Geltung befragte. Zu den Vorwürfen, die letztlich zu seinem Tod führten, gehörten vermutlich Jugendgefährdung und Gottlosigkeit.
Sprengkraft entfalteten erkenntnistheoretische Ansätze wiederholt dort, wo Institutionen sich auf „Gewissheiten“ gründeten. Totalitäre Regime versuchten ihr Grenzen zu setzen, die kirchliche Inquisition observierte philosophische Seminare bis weit in die Neuzeit hinein. In festgefahrenen naturwissenschaftlichen Debatten boten einige Ansätze der Erkenntnistheorie dagegen mehrfach gangbare Auswege an. Dazu gehörten etwa Vorschläge, wissenschaftliche Theorien nur danach zu wählen, wie gut sie sich als Arbeitsgrundlage eignen (sogenannter Operationalismus). Das ermöglicht, mit Theorien zu arbeiten, die nach klassischeren erkenntnistheoretischen Positionen verworfen würden, weil sie deren Kriterien zufolge als unsicherer erscheinen. Der Befund war ein ums andere Mal, dass Theorien, die alltäglichen Annahmen widersprachen und praktisch nur als Rechenmodelle taugten, sich als die langfristig tragfähigeren erwiesen.
Die Erkenntnistheorie scheint demnach in sehr verschiedene Wissensgebiete ausgreifende, Sicherheiten untergrabende, in jedem Falle kritische, „aufklärerische“ Debatten zu entfalten. Allerdings begründeten erkenntnistheoretische Positionen wohl ebenso oft Sicherheiten, wie sie sie zerstörten. Diktaturen wie der Nationalsozialismus oder der Stalinismus setzten unterschiedlichsten philosophischen Schulen Grenzen, doch beriefen gerade sie sich auf Behauptungen, die ebenfalls bestimmte erkenntnistheoretische Hintergrundtheorien voraussetzen. Eine Erkenntnistheorie, die uns über die „überlegene Rasse“ nachdenken lässt oder den „notwendigen Gang der Geschichte“, scheint faktisch ihre eigene Plausibilität mit jedem Argument, das sie begründet, zu bestärken. Zwar ist, wie viele Philosophen einwenden würden, die Frage nach der faktischen Geltung einer Theorie zu unterscheiden von der Frage danach, ob diese Geltung selbst nochmals rational zu rechtfertigen ist. Andere Philosophen versuchen aber zu zeigen, dass im Rahmen konkreter sozialer und wissenssoziologischer Kontexte beide Fragen schwer zu trennen sind. Trotzdem können erkenntnistheoretische Ansprüche Brüche mit gewachsenen Vorstellungen der Religion und der Moral stützen und es erlauben, traditierte Sicherheiten als blanken Aberglauben zu bewerten.
Die Erkenntnistheorie hat sich, wie auch die Begriffsgeschichte zeigt, erst spät zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin spezialisiert. Gleichwohl waren erkenntnistheoretische Debatten stets stark spezialisiert. Von dem Teilnehmer an erkenntnistheoretischen Debatten ist sowohl eine Kenntnis der jeweiligen Spezialterminologie verlangt, als auch, dass er sich halbwegs der Argumente und Positionen bewusst ist, die in den letzten dreitausend Jahren durchgespielt wurden.
Mehrere Entwicklungen kennzeichnen im Rückblick die Geschichte der erkenntnistheoretischen Debatten in Europa:
- Frühe christliche Theologen integrierten erkenntnistheoretische Argumente und Positionen, die sie von antiken Philosophen übernahmen, in ihre theologischen und philosophischen Diskussionen. Zusammen mit im frühen Mittelalter unter griechischen, arabischen und jüdischen Philosophen geführten Diskussionen laufen diese Traditionslinien im Westen zusammen, wenn die lateinische Philosophie sich im System universitärer Wissenschaften beheimatet und eine vielfältige, aber bald schulförmig methodisch vereinheitlichte Diskussionskultur entfaltet (Scholastik). Die in diesem Kontext entwickelten Ansätze prägen noch heute weite Teile der Erkenntnistheorie. Auch in institutioneller Hinsicht zielt die sich hier entwickelnde Autonomie der Philosophie auf ein universelles Erkenntnisprojekt, das bis heute in den Wissenschaften fortbesteht.
- Auch theologische Debatten werden phasenweise besonders im Bereich erkenntnistheoretischer Fragen diskutiert. Religiöse Wahrheitsansprüche werden dabei oftmals mit erkenntnistheoretischen Argumenten in Frage gestellt (beispielsweise mit Lessings Kritik an einer rational rechtfertigbaren letzten Gewissheit bezüglich historischer Wahrheiten). Im späten 18. Jahrhundert verlieren Offenbarungsreligionen in großen Teilen Europas ihre allgemeine Autorität; die Theologie ist vielfach weder zentrale Diskussionsplattform, noch ist sie mehr in der Lage, philosophische Debatten zu kontrollieren. Stattdessen begründet die Philosophie im 18. und 19. Jahrhundert Rechts- und Staatssysteme. Erst mit einiger Verspätung nehmen Theologen Herausforderungen an, wie sie etwa mit Kant gegeben waren.
- Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mischten sich Mathematiker und Naturwissenschaftler mit großem Einfluss in die erkenntnistheoretische Debatte. In eigenen theoretischen Diskussionen verabschiedeten sie sich u. a. von der These einer materiellen dreidimensionalen Welt, um statt dessen mit neuen Modellannahmen zu arbeiten. Ebenso gab es bedeutende Fortschritte auf dem Gebiet der Logik.
Die Geschichte der Erkenntnistheorie zeigt die Entwicklung der vielen historischen Positionen und Argumente und welche Debattenverlagerungen mit ihren einzelnen Argumentationsschüben stattfanden. Verschiebungen der Grundlagen des Wissens gehen oftmals einher mit Verschiebungen erkenntnistheoretischer Hintergrundtheorien.
Viele Probleme und Argumente der Erkenntnistheorie erscheinen Außenstehenden auf den ersten Blick abstrus oder vorurteilsbehaftet. Sie erweisen sich aber als intelligente Denkangebote, sobald man sie in den historischen Debatten verortet. Hier wird der nachfolgende Artikel nur in wichtigen Fällen in Details gehen können.