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Erkenntnistheorie in der christlichen Spätantike

(Siehe eingehender den Artikel Philosophie der Antike).

Der Kulturraum der Antike – der Raum der Staaten rund um das Mittelmeer – war entschieden pluralistischer als der abendländische, der aus ihm in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten hervorging. Er ließ gerade im Pluralismus, den er mit eigener Streitkultur verteidigte, die Erkenntnistheorie ein weitgehend unbrisantes Feld bleiben. Sprengkraft gewann das philosophische Projekt erst, als es mit dem Christentum und dem Islam zum Gegenstand eines Geschlossenheit und universelle Bedeutung anstrebenden theologischen Systems wurde.

Die letzten Reiche des antiken Mittelmeerraums entstanden aus Stadtstaaten. Es gab religiöse Kulte von überregionaler Ausstrahlung. Andere Kulte breiteten sich mit dem Sklavenhandel aus und gelangten in Subkulturen aus Kleinasien bis nach Rom. Die Stadtstaaten hatten fest gefügte, jedoch fast durchweg pluralistische religiöse Ausrichtungen, die es nicht ausschlossen, dass Individuen neben Festen des Gemeinwesens auch noch andere Riten zelebrierten.

Die westlich abendländische Philosophie ging im wesentlichen von den Stadtstaaten Griechenlands aus, von deren Kolonien in Italien und dann von Rom. Die Organisationsform der Akademien ist bezeichnend. Es gab in diesen speziellen Stadtstaaten eine Nachfrage nach rhetorischer Unterweisung und, ihr antwortend, Angebote von Schulen mit Lehrmeistern, die den argumentativen Wettstreit als Kunst ausübten. Die Politik Athens und Roms fand in öffentlichen Arenen statt. Die politische Elite trainierte für sie und benötigte für sie Begründungsoptionen, die selbst auf einem Marktplatz noch den Zuhörern einleuchten würden. An den miteinander konkurrierenden Akademien wurden unterschiedliche Theoreme verteidigt und Antworten auf gegnerische gesucht. Die Debatten blieben bezeichnend mit einer ethischen Überzeugungskunst verbunden. Die Antike baute – in der größeren Perspektive formuliert – kein System von Universitäten auf, in dem sich Wissen im fortwährenden grenzüberschreitenden Abgleich befunden hätte, obwohl sie technologisch dem frühen Mittelalter überlegen war. Es gab Naturwissenschaft, doch keine weltweit verbundene Forschung, die sich über neueste Befunde austauschte. Es gab Philosophie, aber nicht den größeren Rahmen, mit dem sie zum flächendeckenden Projekt institutionalisierter Welterkenntnis gedeihen konnte. Roms berühmteste Philosophen waren am Ende bezeichnenderweise allesamt keine Erkenntnistheoretiker, sondern Moralisten, Staatsmänner und Rhetoriker. Roms technologischer Fortschritt lag in einem handwerklichen Ingenieurwesen, nicht in einer brisanten Verquickung von Erkenntnistheorie, Grundlagenforschung und zentral vertretener Weltsicht.

Die beiden Philosophen der Antike, die das erkenntnistheoretische Nachdenken einige Jahrhunderte später nachhaltig prägten, sind Platon und Aristoteles. Mit Platons Wiedergabe der Gespräche, die sein Lehrer Sokrates führte, wurde der fundamentale Zweifel als Ausgangslage der Diskussion Methode: Sokrates behauptete zwar, sich letztlich nur seines Nichtwissens gewiss zu sein – seine Dialoge verleiteten die Diskussionspartner aber zum Ausbau von Systemen, in denen sich am Ende die Widersprüche derart eklatant häuften, dass es klüger erschien, von einer ganz anderen Welt auszugehen: Im Alltag gingen wir mit sinnlicher Erfahrung um. Tatsächlich jedoch läge eine viel wahrere Welt hinter dieser, eine Welt vernünftiger und stabiler „Ideen“. Was ein Mensch sei, darüber könne man grundsätzlich nachdenken und eine von allen Menschen, die wir kennen, unabhängige Antwort finden. Einem neuen Menschen, dem wir begegneten, begegneten wir letztlich unter der größeren, wenn nicht göttlichen Idee vom Menschen. Sie erst ermögliche es uns, zu sagen, dass der, der uns da neu gegenübertritt, ebenfalls ein Mensch ist.

In der Realität bot das Nachdenken über unsere Ideen tatsächlich die größte Chance, über die Welt sinnvoll nachzudenken: Ist unsere Idee davon, was ein Mensch ist, ein Durchschnitt der „normalen Menschen“ alltäglicher Erfahrung? Wohl kaum, denn wir werden niemandem aberkennen, ein Mensch zu sein, wenn ihm Qualitäten des Durchschnitts fehlen. Ja wir hantieren kaum mit einem Durchschnitt in unserem Denken, sondern viel eher mit einem Ideal, etwas Vollkommenem, dem gegenüber alle Menschen, die wir treffen, eher unvollkommen sind. Die Debatte ist bis heute aktuell, da wir mit unseren Menschenrechten auch ungeborenes Leben oder Patienten im Koma schützen, Menschen, denen jeder menschlich anmutende Körper und möglicherweise jedes menschliche Bewusstsein fehlt. Wir richten unsere Gesetze nicht auf konkrete Menschen aus, sondern begründen sie in einer von Ideen getragenen Diskussion – in einer Diskussion, in der es Ideale vom Menschen, vom Recht wie vom Leben gibt. Es galt diese Ideale als den eigentlichen Gegenstand unserer Erkenntnis auszumachen und sie damit dem weiteren politischen und ethischen Argument zugänglich zu machen. Und es musste als Skandalon erscheinen, dass Athen ausgerechnet den Menschen als Ungläubigen hinrichtete, der zu ganz anderen Gewissheiten hinter den Dingen vorstieß.

In der aristotelischen Philosophie sollte Zweifeln eine weit geringere Bedeutung gewinnen. Aristoteles ordnete Wissen und drang auf dessen systematische Vermehrung. Physik und Metaphysik wurden die Bereiche der (naturwissenschaftlichen) Welterkenntnis. Aristoteles schrieb dezidiert über Ethik, Politik, den Bereich menschlicher Erfindungen von Welten (die Poetik) und die Logik – wobei er statt der platonischen Dialoge weitblickend konzipierte Übersichtswerke vorlegte. Vorstellungen von Idealen beschäftigten ihn wie die Platoniker, wenn er etwa in der Kugel den vollkommenen Körper definierte und vom idealen Körper auf die Gestalt der Materie im Kleinen wie im Großen schloss. Seine Schriften systematisierten und schufen im selben Moment Vorstellungen davon, wie Dinge dort gestaltet sein mussten, wo man (wie in den Mikro- und Makrokosmos) nicht mehr mit Anschauung hinkam, respektive dort zu gestalten waren, wo wir Kunstwerke schüfen.

Platon entfaltete den größten Einfluss auf die Frühgeschichte des Christentums. Aristoteles entfaltete einen weit größeren in den Systembildungen, zu denen das Christentum wie der Islam im Versuch, universelle Philosophien aufzubauen, schließlich ausschritten.

Das Christentum bedeutete philosophiegeschichtlich und erkenntnistheoretisch eine Revolution. Weniger seine Glaubenssätze machten sie aus, als der Universalitätsanspruch, der mit ihm aufkam.

Der Monotheismus des Judentums war die Religion des auserwählten Volks gewesen, eines Volks, das sich entschied, allein einem Gott zu huldigen, von dem es im Gegenzug besonderen Schutz genießen sollte. Das Christentum breitete sich dagegen mit der Verkündigung der göttlichen Wahrheit und der Taufe aus, zuerst unter Juden, dann auch unter „Heiden“, den Anhängern der Vielgötterei. Es erreichte, noch während die Bücher des Neuen Testaments geschrieben wurden, das antike Griechenland und bewies sich dabei als mit der griechischen Philosophie überraschend kompatibel, sobald man die idealistischen Strömungen des Platonismus einer neuen Interpretation unterzog und Gottes Bewusstsein mit dem Bereich der Ideen und der Transzendenz verband. Das Johannesevangelium wurde auf griechisch formuliert und beginnt mit einem Rückgriff auf das „Wort“ als den Beginn aller Dinge. Das konnte als Rückgriff auf die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments verstanden werden, in der Gott mit der Kraft seines Wortes die Welt schuf, das konnte genau so gut als Öffnung gegenüber der griechischen Philosophie verstanden werden, in der „Λόγος“, „Logos“, nicht nur „Wort“, sondern auch „Vernunft“ bedeutet. Mit der Anfangszeile des Johannesevangeliums, „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“ war nach griechischer Philosophie der Gott des Christentums effektiv mit der Vernunft und ihrer Sprache gleichgesetzt - das war erheblich mehr als das Alte Testament vorgab. Das frühe Christentum verband sich mit einer Neuausrichtung des Platonismus und mit einem Siegeszug durch die Welt der südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten, deren philosophische Debatten von gnostischen Gruppierungen bestimmt wurden. Augustinus’ Confessiones (397/98) skizzieren im autobiographischen Rückblick die Verbindungslinien mit ihrem Autor, der der Reihe nach von den manichäistischen Diskussionsforen und dem Neuplatonismus angezogen wurde, bevor er das Christentum als Weltanschauung viel größerer Totalität entdeckte. Das Christentum gewann eine dualistische Erkenntnistheorie: einen Kosmos, in dem es nicht nur Gottes Ideen und die Welt gab, den „Λόγος“, das Urfeuer der Vernunft, sondern nicht minder einen Bereich der Dunkelheit, der Materie als wirkenden Gegenpol. Der Weltenlauf als Kampf zwischen dem göttlichen Urfeuer und einer Verunreinigung durch die Materie gelangte aus dem Manichäismus in das Christentum. Auslegungen des Alten und Neuen Testaments schufen die Anknüpfungspunkte. Gingen die Gnostiker von einem Weltlauf der Klärung aus, so konnte die christliche Philosophie hieraus ein Programm historischer Heilserwartung und ein Erkenntnisprojekt formulieren.

Neben dem Gott des Christentums konnte es keine anderen Götter geben. Letztlich konnte es so wenig gegenüber der Lehre des Christentums noch andere Philosophien geben. Eine Abkehr von antiken Wissensbeständen war die Folge. Die antike Bibliothekslandschaft dünnte aus, Bücher der Antike wurden im privaten wie im öffentlichen, nun von Klöstern beherrschten, Bildungsbereich mit dem zeitlichen Abstand und der ihnen entgehenden weiteren Erforschung unlesbar; gezielte Büchervernichtungen, wie sie in Verfolgungen von „Zauberbüchern“ kulmierterten, schufen zudem eine wachsende Distanz vom antiken Bildungsgut (siehe hierzu den eingehenderen Artikel Bücherverluste in der Spätantike).

Das Christentum selbst spaltete sich und entwickelte seine eigene Geschichte an Schismen und Ketzerbewegungen, Konzilen und Kanonisierungen verbindlicher Texte und Dogmen. Zwischen den Strömungen blieb bis zum Moment jeweiliger Spaltung im argumentativen Wettstreit zu vermitteln. Die Auslegung einzelner Bibelpassagen zog dabei eine komplexe Argumentationskunst auf sich, die bis in die Auseinandersetzungen zwischen den drei Konfessionen der Nachreformationszeit – bis weit in das 18. Jahrhundert hinein – fortbestehen sollte. Die Erkenntnistheorie gewann in diesem Interessenfeld ganz neue und, was das Bedrohungspotential für konkurrierende Gruppen anbetrifft, weitaus größere Bedeutung als sie in der Antike hatte.

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